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Hrsg.: Im Spiegel des Todes

Beiträge zu Tod und Sterben aus buddhistischer Sicht

Hrsg.: Im Spiegel des Todes

256 Seiten, Taschenbuch
ISBN 3-9804620-0-5
München 1995
(DBU)



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Verse

Alfred Weil: Einführung - Tod und Sterben im Buddhismus

Werden zum Gewesensein - Der Tod als menschliches Problem

Sogyal Rinpoche: Der Tod aus tibetisch-buddhistischer Sicht
Ekkehard Saß: Eine buddhistische Betrachtung über Einsicht und Tod
Fumon S. Nakagawa: Der Tod aus der Sicht des Zen
Maya Keller-Grimm: Im Angesicht des Todes
Lama Anagarika Govinda: Das Mysterium des Lebens und des Sterbens
Günter Neumeyer: Die Achtung vor dem Tod
Rev. M. Daishin Morgan: Tod und Vergänglichkeit im Buddhismus

Abschied - Nicht festhalten, loslassen!

Georg Grimm/A. H. Leonowens: Ein echter Bhikkhu
Jürgen Pilartz: Über den Tod von Mayum Künsang Detschen
S.N. Goenka: Der Tod meiner Mutter - Ein Tod in Dhamma
Ekkehard Saß: Am Sarg meiner Mutter
Christine Longaker: Mitgehen durch Tod und Trauer
Lama Yeshe Tharchin: Erinnerungen an den Tod von Wilfried Behre

Begleitung im Sterben - Helfen wollen und helfen können

Chögyam Trungpa Rinpoche: Umgehen mit dem Tod
Ajahn Chah: Unser wirkliches Heim
Dean Krasomil: Buddhistische Sterbevorbereitung und Sterbebegleitung
Alfred Weil: Begleitet sterben - geleitet sterben?
Bokar Rinpoche: Der Tod der anderen

Transzendierung - Das Wesen von Tod und Sterben

Geshe Thubten Ngawang: Tod - Bardo - Wiedergeburt
S.N. Goenka: Was geschieht im Moment des Todes?
Rev. M. Daishin Morgan: Gedanken zum Thema Organtransplantation und Sterben

Nicht das Ende - Fortexistenz, Bardo und Wiedergeburt

Paul Debes: Die Fortexistenz in der Lehre des Buddha
Kalu Rinpoche: Bardo
Klaus Heinsch: Wiedergeburt - Glaube oder Realität?
Sogyal Rinpoche: Das Überleben des Bewußtseins

Sterben lernen - Leben lernen!

Christine Longaker: Hoffnung und Inspiration im Tod finden
Anagarika Kassapa: Der Tod zeigt sein Gesicht
Lama Anagarika Govinda: Die Überwindung des Todes
Winfried Kruckenberg: Die Todlosigkeit ist gefunden
Edgar Thriemer: Der Tod und Buddhas Weg
Shigetsu Sasaki Sokei-an Roshi: Leben und Tod

Die Hauptverse zu den Bardos

Quellennachweis

Literaturverzeichnis

Dank


Einführung - Tod und Sterben im Buddhismus

Alfred Weil

Unser Leben ist geprägt von einem merkwürdigen Widerspruch. Auf der einen Seite begegnet uns der Tod fast unablässig. Die Massenmedien bringen sein Bild in jedes Wohnzimmer - jeden Tag und in allen erdenklichen Variationen. Oftmals überdeutlich und schonungslos, nicht selten ‘publikumswirksam' und sensationsorientiert. Trotzdem bringt uns das den Tod existentiell in keiner Weise nahe. Ganz im Gegenteil. Es scheint, daß es kaum eine Zivilisation gegeben hat, die dem Sterben und der Sterblichkeit so unwissend und hilflos gegenüberstand wie die unsere. Wir wollen trotz der vielen Informationen über Kriege und Katastrophen, Verbrechen und Unfälle mit tödlichem Ausgang nicht wirklich sehen, nicht hören, nicht darüber nachdenken. Wir wollen mit dem Tod nichts zu tun haben - und können deshalb nicht mit ihm umgehen.

Die Haltung der Religionen und aller tieferen Weltanschauungen ist eine ausdrücklich andere. Leben und Sterben sind für sie untrennbar. Wer leben will, muß sterben können. Wer das Wesen des Lebens begreifen will, muß das Wesen des Todes verstehen. Der Buddha nannte gar Krankheit und Tod als Gründe dafür, daß Erwachte in dieser Welt erscheinen und ihre Lehre vortragen. Vergänglichkeit und Wandel stehen infolgedessen ganz im Mittelpunkt des Buddha-Dharma.

Dennoch wurde es den Interessierten bisher nicht allzu leicht gemacht, das Thema mit seinen vielen Facetten kennenzulernen beziehungsweise sich ihm aus gesamtbuddhistischer Sicht zu nähern. In jüngerer Zeit haben verschiedene Autoren damit begonnen, das Thema umfassender und in seiner Vielschichtigkeit darzustellen, meist jedoch unter Bezug auf eine der buddhistischen Überlieferungen. Darüber hinaus muß man sich nach wie vor auf eine intensivere Suche einlassen, um einzelne verstreute Beiträge in Zeitschriften und Büchern zu finden.

Das vorliegende Buch soll dem ein wenig abhelfen. In ihm ist eine nennenswerte Zahl einschlägiger Aufsätze zusammengefaßt und nun leicht zugänglich. Außerdem enthält es zahlreiche Hinweise auf weitere Literatur.

Die Veröffentlichung orientiert sich an einer der zentralen Aufgaben der Deutschen Buddhistischen Union (DBU): die Lehre des Buddha schul- und traditionsübergreifend darzustellen. Sie umfaßt daher ein breites Spektrum von Darstellungen der verschiedenen buddhistischen Richtungen. Autorinnen und Autoren der Pali- beziehungsweise der Theravada-Tradition sind ebenso vertreten wie die des tibetischen Buddhismus und des Zen. Aber auch solche, die sich bewußt nicht (mehr) ohne weiteres an herkömmlichen Mustern orientieren und eher den wissenschaftlichen und kulturellen Hintergrund des Abendlandes im Blick haben.

Dabei sind die einzelnen Beiträge formal wie inhaltlich recht unterschiedlich: Kurze und lange wechseln sich ab, eigens für Bücher oder Zeitschriften geschriebene Texte stehen neben Aufzeichnungen von Interviews, Reden und Gesprächen. Lehrerinnen und Lehrer des Ostens wie des Westens kommen zu Wort, Laien wie Ordinierte. Manche Beiträge widmen sich dem Thema vor allem aus einer globalen Sicht, andere greifen Einzelaspekte heraus. Manche sind systematische Darstellungen, andere praxisorientierter mit zahlreichen konkreten Hilfen. Nicht wenige sind geprägt von persönlicher Betroffenheit und dem Umgang mit eigenen Erfahrungen, Schwierigkeiten und Einsichten. Natürlich war die vorgenommene Einordnung der Texte in die jeweiligen Kapitel nicht immer zwingend, ihr lagen neben inhaltlichen bisweilen einfach pragmatische Gesichtspunkte zu Grunde.

Das erste Kapitel setzt sich schwerpunktmäßig mit dem Tod als einem universellen ‘menschlichen Problem' auseinander. Was bedeutet die Tatsache der Sterblichkeit für uns, für die Art und Weise, wie wir leben? Wie gehen wir mit der Aussicht des Sterben-Müssens um, was lehrt sie uns? Ist sie nur Bedrohung, beängstigend und sinnlos, oder willkommener Ansporn für die spirituelle Weiterentwicklung?

Wie die ‘letzten Stunden' eines Menschen aussehen können, wie Frauen und Männer dem Tod begegnen, wird anschließend beleuchtet. Weisen des Sterbens, die so vielfältig sind wie das Leben bunt ist - beeindruckend und ermutigend besonders bei denen, die den Tod achtsam und gelassen erleben. Drei Beispiele zeigen, wie ein Leben im Dharma ein würdiges Sterben ermöglicht.

Abschied und Trauer sind mit dem Sterben immer ganz eng verbunden. Die meisten von uns haben Schwierigkeiten, wenn es heißt: ‘nicht festhalten, loslassen!' Wie geht man mit seinen Emotionen um, ohne sie zu verdrängen und ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen? Wie und wo finden wir Unterstützung? Welche inneren und äußeren Faktoren erleichtern den Abschied? Auch damit befaßt sich das zweite Kapitel, das uns die Notwendigkeit des Freiwerdens von Verhaftungen vor Augen führt.

Nicht nur die Zurückbleibenden, sondern gleichermaßen die Sterbenden bedürfen der Hilfe. Der ‘Begleitung im Sterben' widmet sich der dritte Abschnitt und leuchtet den Spannungsbogen zwischen ‘Helfen-Wollen und Helfen-Können' aus. Nirgends werden gravierendere und zugleich schmerzlichere Defizite erkennbar als in der Hilflosigkeit während der Stunden oder Wochen vor dem Tod eines Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung.

Wir wissen: Sterben ist weniger ein momentanes Ereignis als ein sehr komplexer und sich über einen längeren Zeitraum erstreckender körperlicher und psychischer Vorgang. Daß es vor allem ‘Transzendierung' und Wandlung ist, thematisieren die Beiträge im vierten Kapitel. Sie beschreiben das wahre ‘Wesen von Tod und Sterben', machen uns vertraut mit den einzelnen Phasen der Auflösung, die dem gewöhnlichen Blick völlig verborgen bleiben, und dem alsbaldigen Wiederwerden.

‘Fortexistenz, Bardo und Wiedergeburt' sind die Stichworte zu den weiteren Fragen: Was geschieht nach dem Tod? Welche Vorstellungen von ‘Diesseits' und ‘Jenseits' kennt der Buddhismus? Wie sehen Leben und das Erleben ‘danach' aus? Gibt es eine Wiederkehr, und nach welchen Daseinsgesetzen erfolgt sie? Die Betrachtung wendet sich nun der gesamten Existenz zu, den generellen Erfahrungs- und Erlebnismöglichkeiten der Wesen im Samsaro.

Das Schlußkapitel faßt schließlich wieder mehr die spirituelle Praxis ins Auge und weist Wege, wie man die vielleicht wichtigste Aufgabe des Lebens lösen und das ‘Sterben lernen' kann. Es führt das Verständnis von Tod und Sterben und die Konsequenzen daraus für unsere Haltung im Alltag zusammen. Es eröffnet zugleich einen Ausblick auf die endgültige Befreiung, das Nirvana, das Todlose - und damit auf die Essenz der Buddhalehre.

Überblickt man die Texte im Ganzen, läßt sich eine weitgehende Übereinstimmung der einzelnen buddhistischen Schulen in den Grundaussagen feststellen.

Ein durchgängiger Tenor ist die nachdrückliche Aufforderung und die wiederholte Ermutigung, sich dem Tod zu stellen und nicht die Augen zu verschließen. Ja, mit dem Leben kann nur richtig umgehen, wer mit dem Tod richtig umzugehen gelernt hat. Eine klare Absage also an alle Oberflächlichkeit und die Einladung zu einem tieferen Gewahrsein der Realität. Leben und Sterben gehören zusammen. Vor dem Tod braucht man sich nicht zu fürchten. Wenn man ihn durchschaut hat, wird man sich nicht länger sträuben und ihn fliehen, sondern ihn als Chance begreifen und nutzen wollen.

Im Gegensatz zur naturwissenschaftlich-materialistischen Betrachtungsweise, für die der Tod ‘das Ende' ist, hat der Buddhismus eine einzigartige Psychologie des Todes, ja des Nachtodes begründet. Sie ist im Westen noch kaum bekannt, und ihre ganze Tiefe gilt es erst noch auszuloten - nicht nur aus einem abstrakten wissenschaftlichen Interesse heraus. Sie könnte die Grundlage werden für eine völlig veränderte Umgangsweise mit Tod und Sterben - individuell wie gesellschaftlich. Das gilt im medizinischen, im psychologischen, im sozialen und religiösen Bereich gleicherweise.

Der Tod ist keineswegs das Ende eines Wesens und seiner Erlebnismöglichkeiten. Das Wissen um Fortexistenz und Wiedergeburt gehört zum Kern der buddhistischen Anschauung. Leben ist nicht die kurze Zeit zwischen Geburt und Sarg, sondern ein (unvorstellbar) langer Prozeß des Entstehens und Vergehens körperlicher und psychischer Erscheinungen, die wir ‘Ich' und ‘Welt' nennen. Leben ist die Daseinswanderung der Wesen von Existenz zu Existenz, in der Tod und Sterben nur wiederkehrende Episoden sind.

Grundlegende Übereinstimmung gibt es auch hinsichtlich der Karma-Lehre. Unser alltägliches Tun und Lassen beeinflußt nicht zuletzt die Art und Weise unseres Todes. Die guten wie die schlechten Gewohnheiten bestimmen das Wie des Sterbens, und sie bestimmen den weiteren Fortgang. Die Qualität unserer nachtodlichen Existenz, sei sie übermenschlich oder untermenschlich, ist das Ergebnis eigenen Wirkens. Es kehren lediglich die Früchte unserer Aktivitäten als wohltuende oder schmerzliche Erlebnisse wieder. Kein Wunder also der nachdrückliche Hinweis in vielen Beiträgen, die Maßstäbe der Lebensführung so zu wählen, daß wir die Ergebnisse unseres Handelns jederzeit und gerne entgegennehmen können; und die Aufforderung, jeden Augenblick zu nutzen, um sich auf diese entscheidende Zeit des Lebens vorzubereiten.

Immer wieder betonen die Autorinnen und Autoren die Wichtigkeit gerade der Todesstunde, kann sie doch zu einer bedeutungsvollen Weichenstellung werden und die weitere Zukunft wesentlich beeinflussen. Die Zeit des Sterbens ist eine Zeit besonderer Offenheit und vielfältiger Gestaltungspotentiale. Deshalb sind besonders dann Achtsamkeit, Klarheit und Mut gefordert. Angesprochen sind beide, die Sterbenden und die Menschen um sie. Niemand braucht dann länger ein hilfloses und schutzloses Opfer des Todes zu sein, Sterben kann zu einem ‘aktiven' Geschehen werden.

Der Weg des Buddha ist ein Übungsweg, der nicht zuletzt einlädt, das Sterben zu lernen und nach und nach den Tod zu meistern. Die intellektuelle Auseinandersetzung mag am Anfang stehen, doch eine neue Anschauung allein genügt nicht. Erforderlich ist die Veränderung der ganzen Persönlichkeit. Es gilt, die Verblendungen und Irritationen des Geistes aufzulösen und mit ihnen Begehren, Rücksichtslosigkeit und Übelwollen. An ihre Stelle treten Güte, Mitempfinden, Freude und Gelassenheit. Wo sie stark sind, wird der Geist klar und ermöglicht einen ungetrübten Blick. Dann werden die drei Merkmale aller Erscheinungen unmittelbar sichtbar: ihre Vergänglichkeit, ihre Unvollkommenheit, ihre Substanzlosigkeit und Leerheit. Leben wird erkannt als das, was es letztendlich ist: ‘Werden zum Gewesensein'. Das Wesen von Tod und Sterben auf diese Weise zu begreifen heißt, das Wesen der gesamten Existenz aufzudecken und damit einen Schlüssel zur völligen Befreiung zu erhalten. Beunruhigung und Angst gibt es nur dort, wo Ego-Verhaftung noch vorhanden ist, wo Individualität und Universalität nicht im rechten Verhältnis zueinander stehen, wo die Ich-Illusion noch nicht entlarvt ist. Auch hier sind sich alle buddhistischen Traditionen einig.

Wenn eben von den grundlegenden Gemeinsamkeiten die Rede war - deren Herausarbeitung ja ausdrücklich beabsichtigt ist - so lassen sich doch manche (tatsächliche und vermeintliche) Unterschiede ausmachen. Wie kommen sie zustande?

Zunächst muß man sich vor Augen führen, daß eine Anthologie nie das ganze Themenspektrum vollständig abdecken kann. Es liegt in der Natur der Sache, daß die einzelnen Beiträge ihren jeweiligen eigenen Charakter bewahren und eine unmittelbare und direkte Vergleichbarkeit der Aussagen nicht bei jeder Einzelheit gegeben ist. Schon daraus ergeben sich Gewichtungen und Akzentuierungen - neben denen in der Sache selbst, die hier zwar erwähnt, aber nicht ausführlich untersucht werden können.

Gilt in der buddhistischen Tradition der letzten zweieinhalbtausend Jahre die Tatsache des nachtodlichen Lebens und Erlebens als ganz selbstverständlich, so fallen solche Aussagen auf, die die Frage nach der Fortexistenz für falsch gestellt, die Antworten darauf für unnütz oder gar für irreführend halten. Wer sofort einen Widerspruch vermutet, tut es (meist) zu Unrecht. Eine Erklärung liegt in der unterschiedlichen Perspektive der Betrachtung. Die Lehre des Buddha kann man nur verstehen, wenn man Aussagen auf der Ebene der ‘relativen Wahrheit' und solche auf der Ebene der ‘absoluten Wahrheit' gewissenhaft auseinanderhält. Vom höchsten Standpunkt aus sind Jenseits und Wiedergeburt ebenso illusionär wie unser jetziges Leben. Es ist letztendlich nutzlos, auf sie zu bauen und dort Glück und Frieden zu suchen, wo es sie gibt. Und dennoch: Für alle dem Daseinskreislauf noch Verhafteten ist es außerordentlich wichtig, die Gesetze dieses Kreislaufes zu kennen. Nur so kann man sich in der Existenz zurechtfinden und sie bewältigen, um schließlich irgendwann alle Verstrickungen endgültig zu lösen. Für die meisten wird das Leben nach dem Tode so real sein wie das momentane - und eine entsprechende Vorbereitung ist sehr bedeutsam. Die jeweilige Perspektive bei dieser Frage erklärt auch, daß Geborenwerden und Sterben das eine Mal positiv und als schöpferischer Neubeginn, das andere Mal als Leiden und Zeichen der Unvollkommenheit beschrieben werden.

Es scheint, daß in der Zen-Literatur die Beschäftigung mit dem eigentlichen Sterbeprozeß und der Frage des ‘Danach' nicht denselben Stellenwert hat wie etwa in der Pali- und der tibetischen Tradition. Das Fehlen von Texten hierzu legt diesen Schluß nahe. Vielleicht ist der vom Zen so deutlich betonte Praxisbezug ein Grund dafür, und der ständige Anstoß zur Überwindung der Begrenztheit der Erfahrung in der Meditation seine Antwort. Wer hier und heute lernt, die Realität zu sehen und in ihr zu leben, wird es im Sterben ebenfalls tun!

Allerdings betrachten heute manche naturwissenschaftlich geprägten Buddhisten Aussagen über die Fortexistenz tatsächlich als überholt, beziehungsweise als bloßes Zugeständnis des ‘Volksbuddhismus' an die ‘weniger gebildeten' Anhänger des Buddha-Dharma. Das gilt genauso für die ‘Jenseitsvorstellungen', mit denen die buddhistische Tradition insgesamt sehr vertraut ist, die sie aber für unbuddhistisch und für in der Sache falsch halten. Eine Diskrepanz, die sich nicht wegdiskutieren läßt.

Charakteristisch für den tibetischen Buddhismus ist die Lehre von den Bardos. Aus einem tiefen Wissen und mit großem Kenntnisreichtum im Detail werden die grundlegenden Phasen des Lebens beziehungsweise die maßgeblichen Umbruchsituationen des menschlichen Bewußtseins dargelegt. Dazu gehören die ‘drei Bardos des Lebens' (die Zeit von der Geburt bis zum Tod; der Schlaf- und Traumzustand; der meditative Bewußtseinszustand) und die drei ‘Bardos des Todes' (der Sterbevorgang; das Bardo des Dharmata und das Bardo des Werdens). Eine solche detaillierte Lehre des ‘Zwischenzustandes' kennt die Pali-Tradition nicht. Sie hebt mehr die Kontinuität des Lebens- und Bewußtseinsprozesses hervor und spricht davon, daß der Eintritt in eine neue Lebensform nach dem Sterben in etwa so lange dauert, wie man braucht, um eine Last von den Schultern abzusetzen und zu Boden zu legen. Das nachtodliche Erleben eines Ich in einer neuen Umgebung erscheint hier weit unmittelbarer.

Erwähnt werden soll ebenfalls der stärkere Akzent, den die nördlichen Schulen des Buddhismus auf die sozialen Konsequenzen ihrer Anschauung legen, und die daraus erwachsenden praktischen Initiativen - wie etwa die Hospiz-Bewegung. Auch hier unterstreichen die südlichen Schulen eher die ‘individuelle' Dimension der Sterbeproblematik und die ‘persönliche' Auseinandersetzung. Dem anderen helfen kann man, soweit man selbst Einsicht und Sicherheit erlangt hat, und die ‘Welt' verändert sich in dem Maße zum Besseren, in dem das ‘Ich' gewandelt und vervollkommnet wird. Heilsames karmisches Wirken gestaltet immer beides - ‘Innen' und ‘Außen'.

Trotz der Vielzahl von Gedanken und Erkenntnissen, die in diesem Band zusammengetragen wurden, ist eine Vollständigkeit nicht einmal im Ansatz realisiert. Vieles wurde nicht einmal angesprochen oder nur berührt, und manche Frage bleibt offen: Wie steht der Buddhismus zum Freitod, zur Abtreibung oder zur Sterbehilfe? Welche buddhistischen Bestattungsformen und -rituale gibt es? Welche Aussagen macht er über die Wiedergeburt in den außermenschlichen Daseinsbereichen? Welche Antworten gibt er auf ethische Fragen im Zusammenhang mit dem Töten? Die Beantwortung bleibt einer anderen Gelegenheit vorbehalten. Dennoch bieten die vorliegenden Beiträge ausreichend Stoff für eine erste Auseinandersetzung mit den zentralen Aspekten von Tod und Sterben und genügend Anregungen, um weiter zu suchen und zu forschen.


Begleitet sterben - Geleitet sterben?

Alfred Weil

Zwei Dinge konfrontieren uns mit dem Tod: die Aussicht der eigenen (körperlichen) Vernichtung und das Sterben anderer. Der eigene Tod berührt, belastet und ängstigt uns nur als Vorstellung oder geistige Vorwegnahme eines im Grunde unvorstellbaren Erlebnisses. Der Tod anderer dagegen wird zumindest gelegentlich unmittelbare Erfahrung. In einem Fall mag man stummer Zeuge sein, im anderen direkt Beteiligter, Angehöriger oder Nahestehender.

Darum soll es im folgenden gehen: ob die „Begleiter im Sterben" für ihre schwierige Aufgabe gerüstet sind und wie sie diese bewältigen - oder ob sie selbst der Hilfe bedürfen. Gelingt es ihnen, eine Atmosphäre der Ruhe und der Würde zu schaffen oder eine solche der Bedrückung und Lähmung? Gelingt es, den emotionalen Bedürfnissen des Sterbenden Rechnung zu tragen, oder stehen eigene Trauer und Verzweiflung im Mittelpunkt? Wird das Sterben bewußt und mit klarem Wissen erlebt oder als etwas Unbegreifliches, dem man verwirrt und ohnmächtig gegenübersteht? Kann der Tod gar als eine Situation des Lernens verstanden und als Chance ergriffen werden?

Es sollen mit den folgenden Zeilen vier charakteristische Beispiele skizziert werden, die sich im buddhistischen Pali-Kanon finden. Vier Schlaglichter, in denen sich Menschlich-Allzumenschliches und Überlegenes widerspiegelt, Alltagssicht und Weisheit, Hilflosigkeit und Kraft, Verzweiflung und Zuversicht.

Verständliche und uns allzu nahe, aus der weisheitlichen Sichtweise eines Erwachten aber dennoch unangemessene Züge finden wir in dem mythologischen Bericht über die Königin Subhadda, deren Gatte im Ster¬ben liegt. Sie sträubt sich gegen den Gedanken, daß ihr geliebter Mann Sudassano von ihr gehen wird. Zu groß scheint ihr der Verlust. Mit allen Mitteln versucht sie, seine Gedanken noch einmal auf das Leben mit seinen angenehmen Seiten und Freuden zu lenken - in der Hoffnung, der Lebenswille des Mannes könnte gestärkt werden, er selbst würde dadurch neue Kraft gewinnen und weiter am Leben bleiben. ‘Die Welt ist zum Genießen da, und genießen soll man sie, solange es geht', meint sie offenbar. Und so malt sie ein verlockendes Bild der Freude an Besitz und Reichtum:
„Sieh', o König, du hast da vierundachtzigtausend Städte mit Kusavati der Königsburg als erster: daran erquicke den Willen, am Leben laß' dir gelegen sein! Sieh', du hast da vierundachtzigtausend Paläste mit dem ‘Dhamma-Palast' als erstem: daran erquicke den Willen, am Leben laß' dir gelegen sein! Sieh', du hast da vierundachtzigtausend Erkerhallen mit der großen Empfangshalle als erster: daran erquicke den Willen, am Leben laß' dir gelegen sein!" (D 17, in Anlehnung an Neumann)Es folgen in der Aufzählung die Ruhebetten des Königs, seine Elefanten und Pferde, die Wagen und Juwelen, seine Frauen, Ratgeber und Untergebene, das Vieh, Speicher mit Kleidern und allerlei Gebrauchsgegenständen. Sie sollen den Geist des Mannes gewinnen.Sterben heißt Abschied nehmen von allem Materiellen und Gewohnten: von Besitz, den Mitmenschen und schließlich vom eigenen Körper. Noch in diesem Moment seine Begehrlichkeit und Wünsche auf die Sinnesobjekte zu richten, hieße, sich den Tod schwer zu machen in dem verzweifelten Versuch festzuhalten, was schließlich doch schwinden muß. Wie könnten da die Worte Subhaddas hilfreich sein?

Aber der sterbende Sudassano läßt sich davon nicht mehr fesseln, sein Blick ist auf anderes gerichtet und er weist das Ansinnen seiner Frau zurück. Mehr noch, er ist es, der sie belehrt und zu tieferer Einsicht bringt.

„Lange hindurch, Königin, bist du mir auf erwünschte, liebreiche, angenehme Art entgegengekommen: und nun kommst du mir in der letzten Stunde auf unerwünschte, lieblose, unangenehme Art entgegen."

„Wie, sagst du, König, komm' ich Dir entgegen?"

„So komme du mir entgegen: ‘Eben alles, was einem lieb und angenehm ist, muß verschieden werden, aus werden, anders werden. Laß' dir im Sterben nichts am Leben gelegen sein: schwer stirbt wer am Leben hängt; nicht gut geheißen wird der Tod eines solchen. Sieh', du hast da vierundachtzigtausend Städte, mit Kusavati der Königsburg als erster: davon wend' ab den Willen, laß' dir am Leben nichts gelegen sein. Sieh', du hast da alle diese vierundachtzigtausendfachen Schätze: davon wend' ab den Willen, laß' dir am Leben nichts gelegen sein.'" (a.a.O.)

Eine ganz andere Situation erleben wir bei Nakulapita und Nakulamata, deren Ehe in der buddhistischen Tradition als Beispiel einer makellosen Lebensgemeinschaft bis zuletzt gilt. Nakulapita ist akut von einer tödlichen Krankheit bedroht (die er am Ende aber überlebt). Nakulamata, seine Frau, hat im Gegensatz zu Subhadda keinerlei selbstsüchtige und egoistische Motive, die sie in der vermeintlichen Sterbe¬stunde ihres Mannes in ihrer Weisheit irre machen. Und sie weiß, daß ihrem Mann keine verlangenden Gedanken oder weltliches Sehnen den Abschied vom Leben schwer machen könnten, allenfalls die Sorge um das Wohlergehen der zurückgelassenen Frau. Deshalb versucht sie, ihn zu beruhigen.

„Möchtest du doch nicht voller Sorgen dahinscheiden! Qualvoll stirbt man, wenn man voller Sorgen ist. Getadelt hat der Erhabene den sorgenvollen Tod. Vielleicht denkst du: ‘Nakulamata wird nach meinem Tode nicht imstande sein, die Kinder zu ernähren und den Haushalt weiterzuführen.' Doch das darfst du nicht denken. Denn ich verstehe mich darauf, Baumwolle zu spinnen und Wolle zu verarbeiten, und dadurch bin ich wohl imstande, die Kinder zu ernähren und den Haushalt weiterzuführen. Mögest du daher nicht voller Sorgen dahinscheiden! Qualvoll stirbt man, wenn man voller Sorgen ist. Getadelt hat der Erhabene den sorgen¬vollen Tod." (A VI,16, in Anlehnung an Nyanatiloka/Nyanaponika)

Um ihrem Mann ein von Ungewißheit freies Sterben zu ermöglichen und um zu verhindern, daß sich Nakulapita aus Beunruhigung innerlich nur schwer von seinem jetzigen Dasein lösen kann, erinnert sie ihn noch einmal an ihre Lebenserfahrung und ihre Lebenstüchtigkeit. Er braucht keine materielle Not für seine Frau zu befürchten, auch keine Gefährdung ihres spirituellen Fortkommens. Ihre moralische Integrität ist unantastbar, ihre seelische Ausgeglichenheit stabil und ihre geistige Orientierung in der Lehre des Erhabenen gefestigt:
„Vielleicht aber denkst du: ‘Nakulamata hat in dieser Lehre und Ordnung noch keinen festen Fuß gefaßt, keinen Halt und Trost gefunden; ist noch nicht dem Zweifel und der Ungewißheit entronnen, ist noch ohne Selbstvertrauen, noch nicht unabhängig von anderen in des Meisters Anweisung.' Doch das darfst du nicht glauben..." (a.a.O.)

Die Hilfe auf dem Sterbelager ist der letzte Dienst, der einem Menschen zuteil werden kann und ein sehr wichtiger zumal. Können doch diese Minuten auch mitentscheiden, wie der „Übergang" verläuft und wie es „drüben" weitergeht. Wenn bei Sudassano und Nakulapita jeweils die gemütsmäßige, emotionale Loslösung von allem Bisherigen und Diesseitigen im Vordergrund stand und Unterstützung und Ermutigung bei der Transzendierung, lernen wir nun einen weiteren Aspekt kennen: die Führung zu Höherem und Erhabenerem ‘danach'.

Wohl führte die Priesterkaste zu Zeiten des Buddha die Worte „Brahma" und „brahmische Welt" dauernd im Munde, aber ein brahmisches Leben führte sie dadurch noch keineswegs. Im Laufe der Jahrhunderte waren tieferes religiöses Wissen und eine entsprechende religiöse Praxis verloren gegangen, die in ihnen zu Lebzeiten göttliche Wesensart hätten entfalten können. Ihnen blieben nur noch die ausgefeilten Rituale, die großen Opferfeste und die Hoffnung, mit ihrer Hilfe jenseits des Todes in brahmische Welt aufzusteigen.

Das trifft auch auf den schwerkranken Priester Dhananjani zu, der seine letzten Stunden vor sich hat. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie des Schicksals, daß er als Brahmane ausgerechnet Sariputto, einen Mönch des Buddha, fragen muß, welcher Weg denn zu Brahma führt. Sariputto allerdings kennt ihn, weil er um die karmischen Gesetze weiß und um die Weise des Wiedererscheinens der Wesen nach ihrer jeweiligen Gemütsart. Wer nach dem Tod in der Welt der Brahmagötter wiedergeboren zu werden wünscht, hat zu Lebzeiten eine entsprechende Gemütsart zu entwickeln oder sich wenigstens in der Todesstunde zu ihr aufzuschwingen. So kann der Rat Sariputtos an Dhananjani nur sein, die vier „göttlichen Verweilungszustände" in sich zu entfalten und seine Wesensart fest in Güte, Mitempfinden, Mitfreude und Gleichmut zu gründen.

Den Weg, Dhananjani, der zu Brahma führt, werd' ich Dir zeigen: hör' es und achte wohl auf meine Rede."

„Ja, Herr!", erwiderte da aufmerksam Dhananjani der Priester dem ehrwürdigen Sariputto. Der ehrwürdige Sariputto sprach also:
„Was ist das also, Dhananjani, für ein Weg, der zu Brahma führt? Da strahlt ein Mönch liebevollen Gemütes weilend nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Das ist der Weg, der zu Brahma führt. Weiter sodann: erbarmenden Gemütes, freudevollen Gemütes, unbewegten Gemütes weilend strahlt ein Mönch nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt..." (M 97, in Anlehnung an Neumann)

Der Brahmane beherzigt den Rat und zieht aus ihm besten Gewinn. Kaum hat ihn Sariputto verlassen, stirbt er, und sein erhobenes Gemüt läßt ihn unmittelbar in brahmischer Welt wiedererstehen.

Sariputto ist es auch, der Anathapindiko in den letzten Stunden beisteht. Der Kaufmann Anathapindiko ist seit vielen Jahren Anhänger des Buddha und als großzügiger Spender und Unterstützer des Ordens bekannt. Nun ist der Stifter des berühmten Jetahain-Klosters in Savatthi dem Tod nahe. Trotz heftigster Schmerzen bedarf er auf dem Sterbelager aber nicht so sehr der moralischen Unterstützung. Sein Körper liegt von Krankheit gequält danieder, doch sein Gemüt ist ruhig, und vor allem, sein Geist ist klar. Das erkennt Sariputto und er nutzt die Sterbestunde, um dem Kaufmann eine letzte und sehr weitreichende Lehrdarlegung und Übungsanweisung zu geben, die sonst nur an fortgeschrittene Mönche gerichtet wird.

„Da hast du dich denn also zu üben: ‘Keiner Form werd' ich anhangen, und keiner Form verbunden sein wird mein Bewußtsein': also hast du dich wohl zu üben. Da hast du dich denn also zu üben: ‘Keinem Tone werd' ich anhangen, und keinem Tone verbunden sein wird mein Bewußtsein'... ‘Keinem riechbaren, keinem schmeckbaren oder tastbaren Gegenstand und keinem Gedanken werd' ich anhangen, und keinem riechbaren, schmeckbaren oder tastbaren Gegenstand und keinem Gedanken verbunden sein wird mein Bewußtsein'..." (M 143, in Anlehnung an Neumann)

Detailliert und vollständig umreißt Sariputto alle Elemente der Welterscheinungen, an denen die Wesen haften können und die damit zu Fesseln werden. Er lenkt den Geist Anathapindikos auf ihre völlige Durchschauung und die Notwendigkeit des Loslassens. Nichts im gesamten Samsaro ist von Dauer, ruft er in Erinnerung, alles erweist sich als unbeständig und damit als nicht tatsächlich erfüllend. Wie könnte etwas wirklich Lohnendes darunter zu finden sein?

In seinem Innersten berührt erlangt Anathapindiko tiefe Einsicht in die Natur der Dinge. Die Todesstunde wird für ihn zur Chance weisen Erkennens und nicht alltäglicher geistiger Klarheit. Und Sariputto, der Begleiter seines Sterbens, ermöglicht sie ihm. Bald darauf stirbt Anathapindiko, um in „erhabener Himmelswelt" wiederzukehren.

Es ist offensichtlich: Das Verhalten der Zurückbleibenden den Sterbenden gegenüber, ihre Gefühle, Motive und Gedanken sind Gradmesser für ihre realistische oder noch illusionäre, verblendete Sicht der Existenz. Sie zeigen, ob und wie sehr sie selbst noch am Dasein haften. Sie geben Auskunft über vergebliches Dürsten nach Dasein, nach Erleben und Sinneskontakten oder den Grad der Einsicht in die Vergänglichkeit, die Unzulänglichkeit und Substanzlosigkeit alles Gewordenen. Und eben daraus resultiert ihre Fähigkeit oder Unfähigkeit, dem Sterbenden in seiner letzten Stunde zu helfen.